Dog Brothers Martial Arts Schweiz - Kampfkunstschule Bern

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RCSF


Real Contact Stick Fighting: Regeln, Punkte und Trophäen


«Wie gewinnt man einen Stockkampf?»

Dies ist wohl eine der häufigsten drei Fragen, die einem als Kali-Kämpfer gestellt werden, sobald die Leute herausfinden, dass man Real Contact Stickfighting (RCSF) betreibt. Die zwei anderen Fragen sind:

«Bist du verrückt?» - Wahrscheinlich (immerhin hauen wir uns gegenseitig Stöcke um die Ohren; normal ist das auf jeden Fall nicht).

Und:

«Tut das nicht weh?» - Nur dann, wenn man nicht rechtzeitig ausweicht.

Meine hauptsächliche Erfahrung in RCSF beruht auf meiner Mitgliedschaft im und meinem Umgang mit dem Dog Brothers Tribe. Es gibt viele andere Kali-, Escrima- und Arnis-Trainingsgruppen (sowie eine wachsende Anzahl von westlich orientierten Kampfkunst-Gruppen), die ähnliche Dinge betreiben, und ich hoffe, dass die Mitglieder dieser Gruppen in Bezug auf Entwicklung und Brüderlichkeit dasselbe erleben, wie ich bei den Dog Brothers.


Euro Tribe

Sinn und Zweck von RCSF, zumindest wie es bei den Dog Brothers betrieben wird, ist, die Kämpfer zu entwickeln und zu verbessern (wobei man sagen muss, dass der Sinn ursprünglich darin bestand, zu überprüfen, ob die gelernten Techniken überhaupt praxistauglich sind. Dies ist aber ein Thema für sich).

Spirituelle, mentale und physische Entwicklung des Kämpfers sind die mystischen Versprechungen, die sich fast jede Kampfkunst aufs Banner schreibt. Während die meisten Kampfkünste die physischen Aspekte tatsächlich erfüllen, wird nur wenig Zeit für die mentale oder intellektuelle Seite des (sportlichen oder realen) Kampfes aufgewendet. Beim spirituellen Aspekt hingegen scheint es zwei Lager zu geben: Beim einen, dem eher machohaft geprägten Lager, ist der spirituelle Aspekt verpönt («Was für ein Hippie-Scheiss ist das denn?!?»). Das andere Lager hat den Kampf fast vollständig zu einer Kunst umgewandelt; hier findet man auch die Leute, die in epischen Worten zu besingen vermögen, wie sehr ihnen die Kampfkünste Harmonie und Ausgleich schenken. Schade ist, dass hier der Kampf-Aspekt meist komplett vernachlässigt wird und nur noch eine Art 'bewegte Meditation' übrig bleibt.

Wenn also das Ziel von RCSF darin besteht, die Teilnehmer zu verbessern, wie wird die Sicherheit gewährleistet? Es muss doch Vorsichtsmassnahmen geben, die sicherstellen, dass kein Kämpfer permanent verletzt oder gar invalide wird. Und es muss ein umfangreiches Regelwerk bestehen, das detailliert festlegt, was mit diesen Stöcken erlaubt ist und was nicht. Es muss einen Schiedsrichter geben, sowie Juroren, die darüber entscheiden, wer jetzt 'gewonnen' hat und wer nicht.

Die erste Regel lautet wie folgt:

«Keine (juristischen) Klagen, gegen niemanden, unter keinen Umständen. Du bist alleine für dich selbst verantwortlich.» (Marc 'Crafty Dog' Denny, Mitgründer und prägende Figur des Dog Brothers Tribes)

Dies ist weniger eine Regel als eine Voraussetzung dafür, an einem Stockkampf teilzunehmen. Wenn du dich nicht damit einverstanden erklären kannst, die Verantwortung für die eher waghalsigeren Dinge in deinem Leben zu übernehmen, solltest du dich vielleicht damit abfinden, anderen bloss dabei zuzusehen, wie sie diese Dinge tun.  

Das umfangreiche Regelwerk der Dog Brothers Gatherings sieht deshalb wie folgt aus:

1.   Seid am Ende des Tages Freunde.
2.   Siehe (1).

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, ausser, dass als Leitplanke gilt, dass «niemand die Nacht im Spital verbringt» und «alle mit demselben IQ nach Hause gehen, mit dem sie gekommen sind».

Nun gut, wer aber stellt sicher, dass diese Regeln auch tatsächlich eingehalten werden? Wer ist der 'Offizielle' auf dem Kampffeld, der übereifrige Aktionen verhindert oder allenfalls abstraft? Wer stellt sicher, dass keiner der Kämpfer im Spital endet? Nun, das sind eben die zwei Typen, die sich, von Adrenalin aufgepeitscht, gegenseitig die Scheisse rauszuprügeln versuchen. Da es keine Regeln gibt, die gewisse Techniken verbieten, und da sich die Stöcke oft schneller bewegen, als das Auge folgen kann, könnten verheerende Aktionen weit schneller ausgeführt werden, als ein Schiedsrichter zu intervenieren vermöchte. Während man also versucht, den anderen zu schlagen, kümmert man sich gleichzeitig um ihn (wohlverstanden eher im Kindermädchen-, als im Mafiakiller-Sinne).

Wenn wir die Situation haben, dass Kämpfer A einen potentiell verheerenden Schlag ausführen kann, muss er rechtzeitig zurückziehen. Wenn dies dazu führt, dass ihn sein Gegner mit einem Doppelbein-Angriff zu Boden wirft und ihn so kampfunfähig macht, muss Kämpfer A soviel Kontrolle über sein Ego haben, um dies zulassen zu können. Alle anderen Kämpfer, die zusehen, können dies nachvollziehen. Damit wird ein grosser Teil des unangenehmen Gefühls, «vor den Freunden zu verlieren», eliminiert.

Die Erfahrung, von einem Augenblick zum nächsten von voll aufgeladener Aggressivität zu sorgsamem, freundschaftlichem Umgang zu wechseln, ist eine unglaublich intensive. Und dies ist auch der Punkt, an dem man zu erkennen beginnt, wo die vorgängig versprochene spirituelle Entwicklung ansetzt!

Der dritte Mann im Kampfring ist der Ringmaster – kein Schiedsrichter. Seine Aufgabe ist in erster Linie, die Sicherheit der Kämpfer zu gewährleisten: Er stellt sicher, dass die Kämpfer nicht in der Hitze des Gefechts gegen gefährliche Hindernisse prallen, dass sie nicht über weggeworfene Fechtmasken stolpern, sich nicht an an den Wänden montierten Geräten aufspiessen oder dass sie nicht durch die Zuschauer pflügen. Ich habe an RCSF-Veranstaltungen schon öfter miterlebt, wie der Ringmaster die völlig vom Kampfgeschehen absorbierten Zuschauer dazu auffordern musste, den Kämpfern auszuweichen!


Der Ringmaster schützt die Kämpfer davor, in die Zuschauerreihen zu stürzen.

An einem Gathering bist du - und nur du! - für deine eigene Sicherheit verantwortlich. Gleichzeitig aber ist die Aggression kontrolliert und du darfst dir sicher sein, dass keiner deiner Brüder dich mutwillig auf eine üble Art verletzen will. Mit dem Credo «keine Gewinner, keine Verlierer» wird die Angst vor einem Gesichtsverlust bei einem verlorenen Kampf weitgehend ausgeschaltet, was einem die Freiheit gibt, neue Waffen oder Strategien auszuprobieren. Diese Atmosphäre erlaubt es «jungen Hunden» auch, gegen Alpha-Dogs anzutreten, weil die erfahrenen Kämpfer ihr eigenes Verhalten ständig beobachten und so dem Novizen eben nicht den Kampfgeist zerstören, sondern ihm durch stetiges Antreiben dabei helfen, sich weiterzuentwickeln.

Wer jetzt meint, dass dieses «individuelle Monitoring» RCSF locker oder gar sanft macht, liegt falsch. Die Kämpfer versuchen, sich gegenseitig weh zu tun, und während ein Kampf normalerweise zwischen zwei und vier Minuten dauert, ist der schnellste Weg, einen Kampf zu beenden, den Gegner KO zu schlagen oder ihn zur Aufgabe zu zwingen. In RCSF kann Aufgabe auch heissen, dem Gegner Knochen zu brechen, beziehungsweise ihn verteidigungsunfähig zu machen (gebrochene Hände sind relativ häufig anzutreffen). Erfahrene Kämpfer mögen auch herausfinden wollen, wie viele Schläge der Novize einstecken kann und Vorfälle (ein besseres Wort als 'Unfälle') passieren halt immer mal wieder.

Sind das jetzt wirklich alle Regeln? Nun, nicht ganz. Es gibt ungeschriebene Gesetze, die sich innerhalb der Stammeskultur entwickelt haben und deren Einhaltung von den Stammesmitgliedern selbst kontrolliert wird. Aber wenn ich diese hier aufschreiben würde, wären diese Regeln ja keine ungeschriebenen mehr!

Also nochmals: wie gewinnt man einen Stockkampf? Indem man überlebt, lernt und neue Freunde gewinnt. Die Freundschaften, die aus dem gemeinsamen Erleben solch emotional hoch aufgeladener Situationen entstehen, können unglaublich stark sein und den Rahmen, sich gegenseitig mit Stöcken zu verhauen, weit sprengen.



Freunde am Ende des Tages: 3D-Dog und Point Dog.





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